Ähre

Definition: Eine Ähre ist der oberste Teil des Getreidehalms, an dem die Körner sitzen.
Information: In frühhistorischer Zeit waren im vollständigen Vorderen Orient Korngarben die Attribute großer Göttinnen in ihrer Funktionalität als Mutter- und Erdgottheiten. So für die sumerische Nisaba, die semitische Atargatis, die phrygische Kybele und für die ägyptische Isis. In Griechenland war die Ähre der Demeter heilig und spielte eine bedeutsame Rolle in den Eleusinischen Mysterien.
Interpretation: Das Gemeinsame aller Kornsymbole ist der Gedanke der Fruchtbarkeit, beginnend mit dem Kornsamen über die reife Ähre bis zur Ernte und zum zurückbleibenden, gedroschenen Stroh. In diesem rhythmischen Ablauf spiegelt sich das Schicksal des Vegetationsgottes als Sohngeliebter der Korngöttin, der in der herbstlichen Jahreszeit mit dem geschnittenen Getreide stirbt und im Frühjahr erneut aufersteht. Das gilt für Osiris in Ägypten gleichfalls wie für Adonis im Mittelmeerraum, für den die Frauen im Winter Körner in Keramikschalen legten und ihn im Frühjahr in Beschaffenheit von „Adonisgärten“ begrüßten. Der Kornmutter darüber hinaus als Herrin über Leben und Tod überließ man die letzten Garben auf dem Feld, was sich ein wenig im Brauchtum erhalten hat. Am Himmel ist ihr das Sternbild „Jungfrau“ gewidmet, dessen hellster Stern „Spica = Ähre“ lautet. Seit dem Neolithikum sind Brote sakrale Opfergaben bis hin zur christlichen Hostie, die aus Weizenmehl gebacken wird. Von der alten Symbolik übernahm die Gottesmutter Maria das Ährenkleid, und das Jesuskind auf der strohbedeckten Krippe hat sein Vorbild im Dionysosknaben als Zeichen der Wiedergeburt in den Demeter-Dionysos-Mysterien. Erhalten haben sich Ährenbüschel und Ährenkränze zum Erntedankfest und als Friedhofsschmuck. Genauso die weihnachtlichen Strohsterne können als Zeichen der Hoffnung nach der Wintersonnenwende gedeutet werden.
Bezogen auf die Sexualsymbolik betonen die mythischen Fotos aus der Agrarkultur die Hingabebereitschaft des Mannes. Der Phallus des Vegetationsgottes ist ein Geschenk an die Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin, und der kosmisch verstandene Sexualakt sein Hineinsterben in den Schoß der Erde, aus dem im Frühjahr das Leben abermals aufersteht.
Ähre
und Weintraube sind Sinnbilder des Leibes und Blutes im heiligen Abendmahle, und kommen demzufolge häufig als Dekorationen auf Bildern, Altären, Gefässen etc. vor, die sich auf das Sakrament beziehen. In Calderons Pkw: „Der Waldesdemuth Krone” streiten die Bäume, Sträuche und Kräuter, wem unter ihnen die Krone gebühre, letzten Endes trotzdem wird sie den „Demüthigsten“ zuerkannt, der Ähre und dem Weinstocke.
Ähren und ein Lamm sind Attribute, die erstern des Adam, das zusätzliche der Eva. Auf einem altchristlichen Sarkophage binnen Aringhi I. 227. Bottari I. tav. 15. hat Adam neben sich ein Ährenbündel, Eva ein Lamm. Das erstere bedeutet den Ackerbau, das letztere die Viehzucht; das erstere deutet auf die Arbeit der Männer, das letztere auf das Wollespinnen der Weiber; das erstere kann allerdings ebenso auf die Menschheit und das letztere auf das Lamm Gottes bezogen werden. Vgl. Bunsen, Beschr. Roms II. 365. Nach einer schönen muhamedanischen Legende fiel das Getreide mit Adam aus dem Paradiese herunter, war in diesem einst überaus gross gewesen, wurde trotz alledem im Falle in dieser Art klein, wie es noch derzeit ist, dadurch der Mensch Mühe habe, es zu konstruieren.
Ähren sind ebenfalls Sinnbilder der Ernte. So in Pharao’s Traum, wo sieben Aehren, wie sieben Kühe die Jahrgänge und ihre Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit bedeuten.
Im Sternbild der Jungfrau heisst ein Stern erster Grösse spica, die Aehre. Man denkt sich, die Jungfrau trage die Ähre in der Hand, weil die Ernte initiiert, wenn die Sonne in’s Zeichen der Jungfrau tritt. Aber die Aehre am Himmel scheint noch mehr zu bedeuten, bekanntlich das von der Erde verschwundene goldene Zeitalter, in dem gleichsam ewig geärndtet wurde, ohne dass man zu säen die Mühe hatte. Die Jungfrau führt den Namen Dike (Nacht) oder Asträa (die Sternenjungfrau), die im ehernen Zeitalter der Erde entfloh und zum Himmel zurückkehrte. Hygin, astron. II. 25 Eratosthenes 9. Genauso nach der mosaischen Ueberlieferung war die Rendite des mühsamen Ackerbaues bloß ein schwacher Ersatz für die Früchte, die der erstmalige Mensch einst im Paradiese umsonst genossen hatte. Die Ähre am Himmel in der Hand der jungfräulichen Gerechtigkeit ist demnach eine ewige Erinnerung oder Mahnung an das verlorne Paradies und an den Fluch der Arbeit. In Frankreich wird eine Notre dame de trois épis verehrt. Wie die heilige Jungfrau mit drei Ähren in der Hand einem Landmanne erscheint, zeigt ein Bild (Huber, Kupferst. VII. 79.). Die Legende ist mir nicht berühmt. In Deutschland hat St. Walburgis neben einem Oelfläschchen drei Ähren zum Attribut, offenkundig als Patronin der Feldfrucht, womit nicht zu übersehen ist, dass an ihrem Tage (1. Mai) die Saaten und die Vegetation schlechthin ihr höchstes Ansteigen starten.
Im alten Ägypten
Die Symbolik um das Korn ist uralt und bereits die Ägypter verbanden mit dem sterbenden Korn den Gedanken an eine Auferstehung.
Das Symbol im Bewußtsein der Antike
Bei den Römern und Griechen waren Kornähre bzw. Korngarben ein Hauptsymbol in den Mysterienkulten. Die in der Stille gemähte Kornähre war das Hauptsymbol der Eleusinischen Mysterien und galt als der vollkommenste Gegenstand mystischer Kontemplation. Im Kybele-Kult ist Attis die gemähte goldene Kornähre, und die Römer pflanzten Getreide auf die Gräber und übernahmen dadurch die Kraft der Toten für die Lebenden.
Korn-Symbolik im Christentum
Jesus benutzte in wenigen seiner Gleichnisse das Korn. Am bekanntesten ist wahrscheinlich das Gleichnis vom Sämann.
Mystik
In der Mystik ist das, sich im Verborgenen umwandelnde Korn ein Gleichnis für die Umformung des menschlichen Herzens, welche dem Auge verborgen bleibt. (Der Mensch sieht, was vor Augen ist, doch Gott sieht das Herz an). In diesem Sinn wird das Kornährensymbol in der verschwiegenen Bruderschaft der Freimaurer verwendet, deren Arbeit am Herzen genauso im Verborgenen vonstatten gehen soll.