Aeon

Definition: Das konventionell im Plural gebräuchliche Wort für unendlich langer Zeitraum; Ewigkeit wurde im 18. Jh. aus lat. aeon übernommen, das seinerseits auf griech. aion Lebenszeit, Zeitabstand, Ewigkeit zurückgeht.
In der griechischen Literatur bezeichnete Aion das Leben oder die Lebenszeit, übertragen gleichfalls eine außerordentlich lange Zeit oder die Ewigkeit. Im medizinischen Kontext war Aion eine Bezeichnung für das Rückenmark (als Lebensnerv).
Information: In der griechischen Philosophie erscheint der Aion anfangs in der Logoslehre des Heraklit: Aion ist ein Knabe, der spielt, die Brettsteine hin und her setzt: einem Knaben gehört die Königsherrschaft.

Mit dem Spiel ist hier die Aufeinanderfolge zyklischer Zeitabschnitte (Tage, Jahreszeiten, Weltalter) gemeint. Das Spiel endet, die Steine werden neu aufgestellt und ein neuer Zyklus initiiert.
Im Gegensatz zur Nutzung im Zuge Heraklit erscheint der Begriff während Platon in Timaios 37d nicht als Bezeichnung eines Zyklus, an Lokalität als Gegenteil und Gegensatz der wiederkehrend fortschreitenden Zeit, die Platon mit dem Gott Chronos identifiziert. Der Himmel mit den Bewegungszyklen der Himmelskörper und Sphären ist ein Sinnbild der Ewigkeit, nichtsdestominder eben nicht die Ewigkeit (Aion) sogar.
Bei Aristoteles wird der Aion folgendermaßen ausgedrückt: Das Telos (die biologische wie geistige Vollendung und Endstufe), welches die Lebenszeit jedes geteilten umfasst, lautet Aion. In gleicher Weise ist nichtsdestotrotz ebenfalls das Telos des kompletten Himmels (mit den Gestirnen) Aion, ein Wort, das von aei (ewig) gebildet ist, unsterblich und göttlich.
Man hat versucht, Beziehungen der Präsentation vom Aion binnen Plato und Aristoteles zu iranischen Quellen, besonders zu Zurvan, der zum Schöpfergott personifizierten Zeit und Ewigkeit in der zurvanistischen Sonderform des Zoroastrismus.
Der Gott der Zeit, das Zeitalter, eine hellenistische Gottheit, Chronos (nicht zu durcheinander bringen mit dem griech. Urgott Kronos!) die Vorführung einer Raum und Zeit umfassenden Schicksalsmacht stammt aus dem persischen Raum. Aus achämenidischer Zeit stammen Angaben über die zervanitische Religionsanschauung, nach welcher die Magier das intelligible und vereinigte Ganze teils Raum, teils Zeit nennen, woraus die Unterscheidung inmitten einem Guten Gott (Licht), Oromazdes, und einem Bösen Dämon (Finsternis), Areimanios, entstehe. Die vereinigte Gottheit, welche die Gegensätze noch ungeschieden in sich trägt, lautet Zervan (oder Zurvan).
Die Unterscheidung in einen Zervan der Unbegrenzten Zeit (Zurvan akanrarak) und einen Zervan der Langherrschenden Zeit wird heute genauer missbilligt, weil beide als „ápeiros“ (unbegrenzt) bezeichnet werden. Hinter dem griechischen Wort Chronos, „Zeit“ verbirgt sich wahrscheinlich der avestische Name Zervan. Im Avesta wird ein Unterschied gemacht nebst der Unbegrenzten Zeit und der Langherrschenden Zeit (Zaman i kanarakomand), welcher mythologisch die Zeit der Herrschaft des Bösen Geistes (12000 Jahre) umfasst. Mittels ebendiese Unterscheidung wird die Selbstentwicklung der Zeitgottheit veranschaulicht, indem aus der Unbegrenzten Zeit (Ewigkeit) die Begrenzte Zeit hervorgeht, in welcher sich das Weltgeschehen abspielt. Nachher kehrt die Begrenzte Zeit aufs Innovative in die Unbegrenzte zurück, womit dem Weltendrama ein Ende gesetzt wird. Zervan stellt genauer ein abstraktes Prinzip als einen aktivierten Gott dar (deus otiosus), ihm wurde keine kultische Verehrung mit Opfer zuteil. Später überlässt er die Regierung der Welt seinen Zwillingssöhnen. In einem Gedicht des Bundahišn lautet es trotzdem, die Zeit sei mächtiger als die beiden Schöpfungen.
Dieser Schicksalsglaube hat sich bis in die arabisch-islamische Zeit erhalten und ist unter Umständen bestimmend für die hellenistische Aion-Vorstellung (Heimarmene). Anderseits hat sie Einfluss auf buddhistische und manichäische Götter des Ostens, wo Brahma, der Götterkönig zu Zervan wird und der Dualismus erhalten bleibt.
In der Inschrift des Antiochos von Kommagene (69-34 v. Chr.) begegnet Zurvan als Kronos in der Vierheit der Planeten Jupiter, Saturn, Merkur, Venus (sog. Zurvan-Tetras). Nach der Magierlehre binnen Dion Chrysostomos (um 40-120 n. Chr.) ist Zurvan der unsichtbare Lenker des den Weltenverlauf darstellenden Viergespanns der Bestandteile. Serapis wird mit Zurvan identifiziert, gleichermaßen Mithras mit dem Zeitgott Saturn / Kronos / Chronos / Zurvan.
Diese iranischen Vorstellungen vertrauten sich später im griechisch-hellenistischen Kulturraum. Heraklit, der „Dunkle“ (540-480 v. Chr.), sagt, der Aion sei ein spielender Knabe, der die Brettsteine hin- und hersetzt und als solcher die Königsherrschaft ausübe, was C. G. Jung auf seinem berühmten Quader in Bollingen verewigt hat. Nach Platon ist Chronos ein bewegtes Abbild des Aion, der zugleich mit der Welt entstanden sei. Die Griechen empfanden die Fremdheit solcher Vorstellungen, auf diese Weise dass sie im Stammland nicht verhältnismäßig Fuß zu fassen vermochte, hingegen im Hellenismus und der Gnosis aufgenommen wurde.
Zahlreiche Statuen des Aion sind aus dem Mithraskult auf uns gekommen, die einen männlichen Körper mit einem Löwenkopf zeigen, der von einer Schlange, dem Zeichen der Zeit spiralförmig umwunden wird. R. Merkelbach (1998) meint, man würde ebendiese Statuen besser als Chronos bezeichnen. Sie steht viele Male auf einem Globus und ist von zwei sich kreuzenden Reifen, dem Himmelsäquator und dem Zodiacus, umgeben. In der Hand trägt er ein Zepter, das via eine Spirale mit zwölf Windungen unterteilt ist. Auf einer Statue in Ostia hat er vier Flügel, auf denen die Jahreszeiten angebracht sind. Auf der Statue von Arelate sieht man die Zodiakalzeichen nebst den Windungen der Schlange.
Der Löwe ist der vierte Weihegrad im Mithraskult, sodass es sich ebenso um eine Löwenmaske handeln kann.
Das auf diese Weise bezeichnete Freer-Logion, eine Ergänzung zum Markus-Evangelium (16, 8), bringt ein gnostisierendes Wechselgespräch Jesu mit seinen Jüngern als Auferstandener im Geiste des alt-persischen Zurvanismus: „Dieser Aion (Zeitalter) der Gesetzlosigkeit und des Unglaubens (2 Kor 4, 4)“, sagt Jesus, ist unter dem Satan (Eph 2, 2), der mit Hilfe die unreinen Geister die echte Kraft Gottes nicht bemerken lässt < [ […] ] Und Christus entgegnete jenen: Erfüllt ist das Maß der Jahre der Macht Satans“ (Joh 12, 31; 16, 11) (zit. nach Schneemelcher 1959)
Das Kerygma Petri (H II 15) sagt: „Die momentane Welt ist zeitlich, die zukünftige ungeachtet ewig. Vor allem anderen erscheint die Unwissenheit (agnosia), als zweites die Gnosis […] Denn binnen die momentane Welt weiblich ist und wie eine Mutter das Leben der Kinder hervorbringt, ist der zukünftige Äon männlich und erwartet wie ein Vater seine Kinder“ (Schneemelcher 1959, II 73).
Jesus Christus wird etliche Male als König der Äonen angesprochen (Paulusakten 2), der von den Toten auferweckt und sämtliche Königreiche unter dem Himmel vernichtet, allerdings alleine in Ewigkeit bestehen wird. Das stimmt mit dem Dualismus der apokalyptischen Aeonenlehre überein, die von zwei Weltenzeiten kommuniziert, dem aktuellen, vorläufigen und vergänglichen und dem künftigen, unvergänglichen und ewigen. Der innovative Äon ist transzendenter Ausprägung, er kommt ohne menschliches Zutun, via göttliches Eingreifen, aus dem Jenseits heraus und setzt solcher Weltzeit ein Ende (Dan 2, 34. 44; 7, 11-14. 18). Genauso erscheint ein „neuer Himmel und eine neumodische Erde“ (äth. Hen 45, 4 f.; 91, 16; Offb. 21, 1), eine „neue Schöpfung“ (äth. Hen 72, 1; 4 Esr. 7, 75; syr. Bar 32, 6), deren Charakterzüge Unvergänglichkeit (4 Esr 7, 31) und Ewigkeit (Dan 2, 44; äth. Hen 91, 17; sl. Hen 65, 7 f.; syr. Bar. 44, 11 f.) sind.
Interpretation: Psychologisch entspricht dies der mithilfe das Selbst regierten Welt, die an ihr Ziel gekommen ist. Denn in den Oden Salomos 7, 11 lautet es von Gott: „Denn Er ist unvergänglich: Die Erfüllung der Äonen und ihr Vater“. In Ode 12 verleiht der Höchste Sein Wort und mit ihm Sein Licht und Seine Erleuchtung den Äonen, den Verkündern Seiner Herrlichkeit und Boten Seiner Gedanken, zur Weitergabe an die Welt. (Lattke 1979):
Der neuplatonische Philosoph Damaskios (um 500 in Alexandria) hielt den alexandrinischen Gott der Ewigkeit (Aion) mit Osiris und Adonis für identisch. Sarapis war gleichermaßen der Gott Aion, wodurch der Löwenkopf die Dasein und der Kopf des Wolfes die Vergangenheit und solcher des Hundes die Zukunft vom dreiköpfigen Kerberos daneben, bedeuten (Merkelbach 1995, S. 77).
In der sogenannten Mithrasliturgie, welche mit Mithras gar nichts zu tun hat, anstelle eine Priesterweihe ist, spielt sich die Zeremonie im Tempel als Abbild des Weltalls ab und nennt sich „Unsterblichwerdung“, wodurch Aion-Sarapis als Herr über das Schicksal den Initianden unsterblich macht. In der Nacht vom 5. /6. Januar (julianischer Kalender) wird im Heiligtum der Kore (-Isis) zu Alexandria die Geburt des Aion aus der Kore-Persephone gefeiert.
In der hellenistischen Theologie vereinigt Aion als Hypostase des abstrakten unendlichen Raum-Zeitkontinuums, als ein erstes Prinzip und kosmischer Gott, den Begriff der Zeit, des Raumes und der Lebenskraft (Libidosymbol!).
In den hermetischen Texten bedeutet Aion die Zeitabstand und Unsterblichkeit (CH XI, 2), er ist in Gott und der Himmel in ihm, die Zeit im Himmel und die Zukunft in der Zeit (CH XI, 2), der Aion ist binnen Gott unbeweglich, der Himmel bewegt sich im Aion, die Zeit vollendet sich im Himmel, die Zukunft wird in der Zeit (CH XI, 2), Gott ist die Quelle, der Aion das Wesen und die Welt die Materie. Die wirkende Kraft ist Aion und das entstandene Werk die Welt (CH XI, 3). Gott ist die Seele des Aion, Aion die Seele des Himmels, der Himmel die Seele der Erde (CH XI, 4) (Festugière 1990)
Außerhalb der Hermetik mitteilt JOH. LYDUS (de mens. IV, 1), dass Janus (=Aion) derjenige sei, der das ganze Weltall geschaffen habe und es lenke. MACROBIUS (I 9, 11) sagt, der viergesichtige Janus der Römer stelle die vier Jahreszeiten dar und sei ein kosmischer Gott. Vor allem anderen war er das Chaos, daraufhin eine Kugel (Globus), in welcher sich sämtliche Module versammelten. Er ist der Türhüter des Himmels und steckt auf der Schwelle zum Himmel mit den Stunden und Jahreszeiten (Festugière 1990, S. 176-177).

In der Gnosis spielt Aion eine Rolle im Apokryphon Johannis des Nag Hammadi Codex (NHC III, 1; BG 2; II, 1; IV, 1). In Codex Jung (NHC I), im fünften Traktat wird der „Gedanke des Logos, der zu seiner Stabilität zurückgekehrt ist und über diese herrscht, die er geschaffen hat“ Aion und Ort genannt (NHC I, 5; 92/24). In den chaldäischen Orakeln ist Aion eine Doppelhypostase mit einem oberen Aspekt als Nous, allgemein das Intelligible, und einem unteren Aspekt als sinnliche Erkennung, worin er sich mit der Schlangengöttin Hekate trifft als geistig seelischem Lebensprinzip (Libido) (Lewy, 1978, S. 99, 114, 353, 98)
Im orphischen Hymnus übernimmt Helios die Aion-Qualitäten und erscheint als junger, schöngestalteter, feuerhaariger, mit weißrotem Gewand bekleideter und einem feurigen Kranz geschmückter Gott (IV 635-639) (Fauth, 1995, S. 6)
C. G. Jung hat ein Buch mit dem Titel Aion (GW 9/II) geschrieben, in welchem er der Synchronizität nebst der Fischsymbolik und dem christlichen Zeitalter nachgeht.
Im hermetischen Traktat (CH XI) ist Aion eine Gattung Schöpfergott, der das Werden veranlasst. Er ist das wesenhafte Sein Gottes, das immerwährend im Werden ist (creatio continua). Er ist unvergänglich und umfängt den Kosmos.